Niemand fragt, Max antwortet.

Wie war das Dancebattle gestern?

Talentierte Menschen können Dinge, die anderen Schwierigkeiten bereiten, mit Leichtigkeit erlernen/zur Perfektion bringen. Eiskunstlaufen zum Beispiel: Bei den olympischen Winterspielen meine Lieblingsdisziplin gleich nach Curling. Wie die sich in Paaren oder einzeln über das gefrorene Wasser bewegen, der Gleichgewichtssinn- nicht von dieser Welt. Die Strasssteinkostüme mit echten Federn schaffen es, mich die Menschlichkeit dieser Sportkünstler vergessen zu lassen. Es käme mir nie in den Sinn, meine Talente an einem Eiskunstläufer zu messen.

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Gestern beim Arena #2 Dancebattle war das irgendwie anders. Da versammelten sich Tänzer, die ich schon flüchtig vom Treffen kannte, neben denen ich mal am Buffet gestanden habe, die mir mal nett zulächelten oder zumindest so taten. Ich hatte das oberflächliche Gefühl, etwas über sie zu wissen, wie zum Beispiel: sie sind kleiner als ich. Sie kriegen sicher nicht so gute Kartoffelecken hin, weil meine sind die Besten. Die meisten Teilnehmer sind laut Programm nicht in Berlin geboren, also automatisch weniger cool als ich. Und sie können sicher nicht so gut über Belangloses schreiben. Was man sich halt so denkt.

Als sie dann in der ersten Runde des Dancebattles nacheinander in das Rechteck aus Scheinwerferlicht traten, sank ich immer tiefer in meinen Sitz. Ich sah aufeinmal Menschen auf der Bühne, die zu so viel mehr in der Lage waren als ich jemals sein würde. Die Bewegungen zeugten von einer Art der Selbstsicherheit, die ihnen jede Aufmerksamkeit in einem Raum garantieren kann. Diese Selbstironie in Mimik und Gestik wirkten ehrlicher als jeder Zwinkersmiley bei Tinder, jedes Selfie bei WhatsApp. Die Kunst, aufeinander zuzugehen, im Bruchteil einer Sekunde Vertrauen aufzubauen, ohne darin verloren zu gehen, sondern den Moment gemeinsam zu einer Performance zu verweben, zeugte von immenser Offenheit. Es hatte etwas Sanftes, Liebevolles. Und das alles geschah ganz nah, direkt vor mir, nicht tausende Kilometer entfernt in Sotschi.

Was sich gestern auf der Bühne abspielte, war nicht nur eine Darstellung von Talent. Sondern die Demonstration einer von Grund auf anderen Lebensweise, um die ich die Tänzer beneide. Ja, meine Freunde, ich bin neidisch. Dagegen werden mir wohl auch keine Kartoffelecken oder ein Berghainbesuch oder dieser Text helfen.

Kuzum: Dancebattle war scheiße. Die inszenieren sich da nur selbst mit ihren nicht vorhandenen BHs und schlabbrigen Hosen. Mit ein paar Tanzstunden und etwas Motivation könnte ich das auch. Alles eine Frage des Talents.  

 

Das letzte Eichhorn

Manchmal braucht jeder Redakteur eine Auszeit von der Informationsflut, welche ihn immer wieder in tsunamiartigen Wellen im Haus der Berliner Festspiele überrollen. Er lässt die fingerbetäubenden Tippgeräusche des Büroraumes hinter sich und stürzt sich in die weite Mutter Natur des Gartens. Die Sonne scheint milder als an vorherigen Tagen. Und der Winter, ja, der winkt schon von Weitem. Wie man das aus alten Dokumentationen kennt, sammeln die Tiere in dieser Zeit besonders viel Nahrung, um ihrer Winterruhe mit einem Fettpölsterchen entgegen zu sehen. Was beim Mensch aber in einigen Fällen auch nicht anders ist. Der Redakteur fühlt sich ein wenig wie ein Journalist auf Umschulung zum "Sammler der Naturwunder".

Plötzlich: Es raschelt im Gestrüpp! Er schaut sich um, es können nicht die vielen Kindergartenkinder sein, die den ganzen Tag brüllende Indianer spielen. In seinem linken Augenwinkel springt ein braunes, aufgebauschtes Etwas in die oberen Wipfel des Nadelbaumes. Es beißt in ein Stück Brot. 

Foto: Shaja Aenehsazy

Foto: Shaja Aenehsazy

Ein Eichhorn! Oh Wunder. 

Was Wikipedia zu diesem Wesen schreibt:

Gewicht: 200-400 Gramm (Entspricht 1-2,5 Burgerbulletten)

Aussehen: Gut gebräunt bis rot verbrannt.

Aktive Zeiten: Dann, wenn es sich danach fühlt, außer im Winter, da ruht es.

Nahrung: Achtung! Könnte Herzen brechen: NICHT VEGAN! 

Ihr fragt, wir recherchieren: Pina und Geschlechterrollen

Pina Bausch widmete sich in ihrer Arbeit oft den Fantasien, dem Verlangen und den Frustrationen von Menschen. Oft bewegen sich die Tänzer*innen in scheinbar rückhaltsloser sexueller Energie und romantischen Spannungen, drücken ihre innerliche Motivation auf der Bühne aus.
Doch welcher Spielart folgt Sexualität bei Pina Bausch? Gibt es dort eine eindeutige, klassische Rollenverteilung? Ist Geschlecht in ihrer Arbeit ein bindender Faktor?

In Strawinskys "The Rite of Spring" ist die Aufteilung in Männer und Frauengruppen nicht zufällig oder aus rein ästhetischen Gründen gewählt. Das Stück behandelt das Dargeben einer Frau in einem Opferritual, das männlich dominiert geführt wird. Der Symbolcharakter der weltweit erfolgreichen Choreographie kann als Kritik wie als Ikonisierung männlicher Gewalt und weiblichem Ausgeliefertsein empfunden werden. 

"Kontakthof" ist ein anderes Stück, dass sich mit dem Spiegeln der Gesellschaft befasst. Es widmet sich einem überholten Ritus und dessen Raum, dem Ball. Das Stück beinhaltet viele humoristische Momente, da es sowohl Frauen, wie Männer beim Hüfte schwingen und anderen erotischen oft gender-untypischen Handlungen zeigt. Es wurde offiziell mit Jugendlichen ohne Tanzerfahrung und mit in die Jahre gekommen ehemaligen Tänzer*innen aufgeführt. Die für die Sehgewohnheiten unvertrauten Kombinationen führten zu viel Kontroverse. Auch dieses Stück hat seine brutale Seite, wird quasi zum Kampfplatz der Geschlechter. Das Aufeinander prallen zeigt sich schmerzhaft für beide Seiten, nur umso mehr für die Frau. Sie wird zum Opfer, aber auch zur Mittäterin.

Diese zwei Stücke sind besonders intensive Beispiele für die Auseinandersetzung Pinas mit Geschlechtlichkeit. Sie selbst sagt dazu: "Es geht nicht um die Gewalt, sondern um das Gegenteil. Ich zeige die Gewalt nicht, damit man sie will, sondern damit man sie nicht will. Und: Ich versuche zu verstehen, was die Ursachen dieser Gewalt sind. Wie beim Blaubart. Oder in ‘Kontakthof’."

Andere Stücke sind weit harmonischer und verspielter, mehr charakterbezogen als geschlechtsbezogen. Bauschs Kostüme sind dabei meist klar feminin oder maskulin, aber nicht zwingend auch dem erwarteten Geschlecht zugeordnet. In Stücken wie "Carnations" und "Bandeon" tragen die Männer auch weiblich konnoltierte Kostüme.
Sie selbst sagte von sich einmal, sie habe immer Hosen getragen und scheint dabei mehr zu meinen als nur das Kleidungsstück an sich. Die Tänzerinnen tragen jedoch meist Kleider, manchmal enge Anzüge, auch Stöckelschuhe. In "Kontakthof" kommt es auf der Bühne zum Versuch die hohen Schuhe abzustreifen, doch diese sind wie angewachsen.

Sie selbst wollte sich nicht als Feministin sehen. Für Bausch war Feminismus zu sehr ein "Modewort", sie befürchtete ein Gegeneinander statt einem miteinander.  Die Frauenrechte tänzerisch voran zu treiben, war vielleicht nicht oberste Agenda ihres Tanzes, aber das bedeutet keinesfalls, dass sie konservative Geschlechterrollen präsentierte. Auch die passiveren Frauenrollen verlieren ihren Status als Subjekt selten, der Tanz fokussiert sich auf das Sichtbar-machen der Persönlichkeit und deren Nuancen, die nicht leichtfertig kategorisierbar sind.  Auf ihre Individualität, ihre Authentizität, ihre Freiheit zum Ausdruck. Zensur und Selbstzensur sind Mittel, die Geschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft produzieren und verstärken, bei Pina werden sie immer wieder ausgehebelt.
Eine klare Antwort auf ihr Verhältnis zu diesen Fragen lässt sich so einfach nicht finden, aber viele kleine Antworten finden sich überall in ihrem Werk. 


"Tanztheater ist nicht feminin, nicht maskulin, es ist menschlich" 
(übersetzt aus dem italienischen, 1993)

Mannheim nach vorne ficken

Sonntag Abend bot die Band DER WIELAND endlich mal wieder die Möglichkeit zu tanzen. Dieser gingen viele nach, ein Manager hätte von „Erfolg auf ganzer Linie“ gesprochen. Wir trafen die Band an der Tischtennisplatte im Garten um über Fame, Jungbusch und Strom zu sprechen.

Drummer Andi und Bassist David spielen ein schlaffes 1 gegen 1. Sänger Johannes steht an der Seite und schaut zu.

Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Andi: In Koblenz gab es ein Vortreffen, da sind wir uns über den Weg gelaufen.

Johannes: Da ist Andi mit seiner damaligen Band aufgetreten und ich habe mit David bei DER WIELAND gespielt. Wir waren damals noch zu fünft, aber dann ist folgendes passiert: das Leben. Unser Drummer ist nach Bangkok auf unbestimmte Zeit abgehauen, der Gitarrist ist Feuerwehrmann geworden.

Andi setzt zum Rückhand Topspin an und trifft ins Netz.

Es ist das normalste von der Welt, das man nach dem Abi überlegt, was man vom Leben will. Und dann bleiben zwei/drei Leute übrig, die sagen: ich bin so verrückt und mache dieses Musikding. Wir drei haben Jura und Bio erfolgreich angetäuscht und sind dann abgebogen.

Also Vollzeit Musik?

David: Yesss. Siehste doch. (spielt weiter Tischtennis)

Ihr kommt aus Mannheim?

Johannes: Wir sind alle drei dahin gezogen, um Musik zu machen. It's all about the people. David und ich wohnen im Stadtteil Jungbusch. Also an der Grenze. Wir wohnen da, wo es riecht, wie Jungbusch, mit Blick auf den Jungbusch

Nach dem Erfolg dann Berlin?

Johannes: Wir haben für uns die Parole ausgerufen Mannheim nach vorne ficken. Oder Make Mannheim great… überhaupt mal. Da gibt es leider kein again. Was wir an Mannheim wirklich mögen, ist die Ehrlichkeit, den Arbeiterschweiß, der in der Luft liegt, den Kakaogeruch. Jungbusch ist wie ein Schmelztiegel, alle kommen zusammen, die Mieten sind günstig. Es wird sicher auch bald so einen Gentrifizierungsprozess durchmachen, wie Kreuzberg. Andi wohnt auch in nem geilen Stadtteil. Da fehlt nur der Aufschwung.

Wie lief denn der Auftritt gestern? Hat es sich anders als bei „normalen“ Konzerten angefühlt?

Andi: Die tanzen hier natürlich viel extremer als andere.

David: Es ist je nach Bundeswettbewerb immer ein bestimmter Schlag Mensch vertreten. Die Tänzer und Theaterleute können sich freier entfalten, haben keinen Stock im Arsch. Das merkt man schon daran, wie schnell sie anfangen zu tanzen-  einfach weil sie sich danach fühlen. Es gibt einem das Gefühl, sie hätten die Songs schon tausendmal gehört. Sonst schauen sich die Leute im Publikum erstmal an und überlegen:  ist das überhaupt cool? Hier sind die Künste aufeinander geprallt, wir machen Musik, sie tanzen.

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Was war euer verrücktestes Konzerterlebnis?

Johannes: Das war auf dem Tower in Town Festival.  Da haben die aus einer zwei Kilometer entfernten Kirche über eine Steckdose den Strom verlegt. Als dann an irgendeiner Würstchenbude der Verkäufer sein drittes Iphone ans Netz gehängt hat, machte es Zoom und wir standen im Dunkeln.

Was würdet ihr mit einer Millionen Zuschauern machen?

Andi: Ein Konzert spielen.

David: Ne, warte mal. Wir würden einfach für den Rest unseres Lebens ausverkaufte Konzerte für 500 Leute geben.

Johannes: Wir könnten sogar nach Island fahren und hätten trotzdem 500 Leute, die uns zuhören!

Was stört euch bei Konzerten?

Andi: Was man verbieten sollte, ist, dass vor der Bühne Platz gelassen wird und sich erst so drei Meter dahinter ein Halbkreis bildet. Man bräuchte Leute, die ganz hinten stehen und das Publikum nach vorne schieben.

Es macht einen Unterschied für dich wenn du auf der Bühne stehst und versuchst, mit dem Publikum zu interagieren, du aber erstmal eine fünf Meter Schlucht überbrücken musst. Wenn die Zuschauer dir vor der Nase stehen, kannst du ihnen auch was erzählen.

Was wollt ihr denn erzählen?

Andi: Jeder Song hat für sich halt ne Message. Die Lieder stehen für das Leben, das wir gerade führen und verarbeiten dieses auch.

David: Das Gute an Texten ist ja, dass der Hörer oder Leser auch viel von sich selbst reininterpretieren kann.

Johannes: Was in vielen Songs mitschwingt, ist eine Form der Demaskierung: mich stört es, wenn Leute etwas machen, was sie eigentlich garnicht machen wollen. Aber sie denken, es gäbe keine Alternative.

Das Aufnahmegerät ist ausgeschaltet. Andi und David haben ihre Tischtennispartie nicht unterbrochen. Der Punktestand ist egal, Hauptsache spielen. 

Demnächst wird die neue EP von DER WIELAND erscheinen. Ein genaues Datum steht noch nicht fest.

 

 

Prolog der Eröffnungsveranstaltung

 

Releve

Zum ersten Mal auf Spitze, wackelnd, mit einem lockeren Schneidezahn und einem losen Gedanken. Im Straucheln um Balance versucht sich das Auge am Steinwurf, am Fesseln spielen, Fixierung ausprobieren: Im Spiegel ist ein Punkt, halt dich fest.
Die Luft wird betastet. Eine Pose geschmiedet.
Ein Auge anvisiert. Ein Blick gehegt. Der Körper gespitzt.
Eine schiefe Schraube, die endlich sitzt.
Ich füge mich ein in die Bewegung, ich werde gehalten von ihr. Sie hat Arme wie eine Straße, die sich durch hügelige Landschaft wiegt, keine Rundung bricht, ihren Willen ans Grüne verschenkt.
Drehung um Drehung, Jubel verwischter Farbtupfen.

Releve.
Wenn der Körper sich aufrichtet zerstieben die Umwege auf der Haut, Unmittelbarkeit benetzt die Fassaden der Bilder.
Ich bin das Instrument.
Wer baut mir eine Bühne?
Die Musik windet, kämmt die Knoten aus den Gedanken.
Wenn ich auftrete, entsteht ein Raum?
Wenn ich mein Gewicht verlagere, entsteht eine Vorstellung?
Wenn ich mich neige, durstige Blume, blühen Inszenierungen aus meinem Kreuz?
Wird sich der Boden windet unter meinem Schritt, wird mir das Parkett wegrutschen, ein Schiff in nicht zu bändigenden Strömen der Schwerkraft?
Ringen meine Gefühl mit dem Takt, ein Schluckauf auf Beinen?
Verheddere ich mich in einem Gestrüpp von Gesten?


Du witterst
Schulterblatt
aufrecht im Wind
Striemen harter Arbeit auf den Schuppen
meiner Kostüme
Managing dreams.
Managing guilt.
Managing expectations.
in den Gelenken sitzen
die Ungeduld
die Sprünge
Reibung wenn
die Posen aufkommen
Ein Seufzer Applaus
Ein erklatschter Raum
ein Vorhang aus Schatten
ein Pausenhof Backstage

Stille
ist eine Auffassung.
Alles Menschliche hat Rythmus.
Mein Schlüsselbein ist eine Vorahnung. Meine Waden eine Offensive.
Meine Augenbrauen eine Frage die du beantworten möchtest.
Aus dem Alttag, den Schreckgespenstern, den Gefälligkeiten, berge ich die Anatomie deiner Innerlichkeit.