Contemporary Kasperletheater

Click, Click, Bang. Computersounds im Remix, vom Hochfahren und Abstürzen, Fehlermeldungen und Doppel-Tabs, Elektro-Trash mit Video auf drei Screens – digital eklektisch geht’s los mit dem contemporary Kasperletheater, das die P14-Gang von der Volksbühne mitgebracht hat. Das heißt: Wir sind hier, mit Betonung erst auf Wir und dann auf hier. Lena und Leonce. Wie der Kosmos etc. pp nennen sie das, was eigentlich Leonce und Lena heißt. Den Namen auf links gedreht und das sprachliche Spiel ist auch szenisches Prinzip. Das Hantieren mit Versatzstücken, das Drehen und Wenden, Ein- und Aussteigen, Theater als radikal subjektive Wahrnehmungsmühle zu betrachten, haben sie an der Volksbühne zur Meisterschaft getrieben und das Performance-Internat P14 hat fleißig mitgeschrieben.

Tatsächlich hat man das Gefühl, drei Generationen auf der Bühne zu sehen, von gerade so performen können bis ausstudiert und Ende zwanzig, mehr Family als Jugendclub und alle sprechen sie die gleiche Sprache. Es ist eine Sprache, in der sich Büchner-Deutsch mit Privatismen mischt, in der sich das 19. Jahrhundert mit der digital bohème high fived, in der hin und wieder mal geschrien wird, ohne dass jemand wütend wäre, in der man sich schwitzt und verausgabt, in der die Dinge salopp gehalten werden und ironisch, in der man gegen Narration anrennt, in der man kokettiert und posiert, in der man die Affekte übt. Die Vorbilder sind so klar, dass man sie nicht erwähnen muss, aber wenn man von Familie redet, gibt es logischerweise Verwandtschaften – genealogisches Theater, das seine Wurzeln kennt.

Das ist ein Theater, in der Stücke, Stoffe, Allerlei nicht ausgelegt werden und gedeutet, in der sich kein Konzept über eine Erzählung legt, das sich mit Lesarten nicht zufrieden geben will. In dem auf der Bühne Leute stehen, die irgendwas zwischen SchauspielerInnen, PerformerInnen, Denkmaschinen sind, in dem man sich halt erst mal versammelt und dann guckt, was kommt. Das ist das Motiv des Kindes, das hibbelig darauf wartet, seinen Eltern zeigen zu können, was es da gerade zusammengebastelt hat. Und von hastig Zusammengeschustertem hat es ja tatsächlich etwas:Die szenischen Elemente stehen nebeneinander, als hätte man zu viel Tabs gleichzeitig offen, zwischen PUR und Techno-Beats gibt es keinen Link, auch zwischen den Texten oft nicht – nicht im Sinne einer Narration, die sich der Kausalität verschreibt. Tief reingreifen in die Assoziationskiste und dann präsentieren, was man so gefunden hat. Der L&L-Story wird nur so mehr oder weniger gefolgt. Im Feigenblatt-Style werden Akte und Szenen zwar angesagt, aber Öde, Flucht und Heirat nur angeteasert. Das Paar wider Willen, das dann schließlich doch will, wird zum Anlass genommen, das eigene Leben durchzudeklinieren und auf Bedeutung abzuklopfen. Was ist das für 1 Life und wie bleibt man auf dem Weg, wenn es sich hier überall verzweigt? Der Einstiegssong (Komm mit mir ins) Abenteuerland ist da Programm: Herrlich schlecht gesungen wird gesäuselt von Wegen, die nicht mehr zu sehen sind, Fluchtwillen und einem kleinen Jungen, der einen Hand in Hand mit ins Abenteuerland nimmt, wo dann Milch und Honig, Fuchs und Hase, usw.

Das Publikum also soll an die P14-Hände und sich angucken, was die so zu zeigen haben. Viel Klamauk z.B. und Self-Made-Clips zwischen Musikvideo und Heimatfilm, tolle SpielerInnen und Bock, Bock, Bock. In den besten Momenten hat das eine anarchische Kraft und Witz, Esprit, in den schlechteren ist es aber auch einfach sau boring. Wenn das Gefühl entsteht, es macht auf der Bühne mehr Spaß als beim Zuschauen, wenn das Publikum – trotz aller Offenheit in der Form – suspendiert wird. Dann verkommt Form zur Pose, performative Potenz zum Manierismus. Wenn sich die selbstbenannte Mischpoke aufmacht, um zu suchen und zu fragen, wenn sie vorgibt, keine Antworten zu haben, fragt man sich, ob man es mit tatsächlicher Suche oder nur dem Bild eines Suchenden zu tun hat. Dann verkommt die, im Kern natürlich richtige Aussage, keine konsistente Beschreibung von Welt liefern zu können zur Binse. Sie wollen sich aber auf jeden Fall melden, wenn sie was gefunden haben. Ich sage: Bitte spart Euch die Antwort, aber meldet Euch trotzdem wieder – ich komme auch für die Suche gerne vorbei.

 

"Der Kitsch ist für umsonst”

Zwei Menschen stehen Arm in Arm vor einer riesigen Leinwand, weil Emotionen darauf, wie zuvor festgestellt wurde, „viel realistischer" wirken. Auf der Leinwand laufen zwei Menschen auf ihr neues Heim zu, Hand in Hand. Es wird Flunky Ball gespielt und alles ist zu schön, um wahr zu sein.

Die Inszenierung ist in diesem Moment schon als Inszenierung entlarvt, die Kostüme ausgezogen, die Bühne aufgeräumt. Draußen rauchen schon die Schauspieler, man sieht es im Fernsehen auf der Bühne. Eine Hochzeit ist passiert und vielleicht auch eine Liebe. Happy Ending. Sinnlos?  “Sinnlosigkeit ist das Einzige was mich noch berührt”, heißt es. Man müsse die Bedeutungslosigkeit mit ihren eigenen Waffen schlagen. Diesen Versuch hat das Stück “Leona und Leonce” unternommen.

Ob die den drei Akten entsprechend dreigeteilte Drehbühne, die doch in jedem Drittel gleich aussieht, oder die für das Verständnis völlig überflüssige Ankündigung von Akt und Szene, die dauernd auf die Fiktionalität des Bühnengeschehens verweist, oder das auf der großen Leinwand übertragene Mixen eines Getränks aus Bananen, Wodka und Sirup, das hinterher im Publikum verteilt wird - die Sinnlosigkeit ist Programm. Klassische Ausdeutung? Vergiss es! Die Bedeutungslosigkeit wird ausgestellt und bejubelt. Alles ist etwas und nichts bedeutet nichts. Wir leben in aufregenden Zeiten. Wer Hoffnung hat, wird frei von gelungenen Erwartungen. Was zählt, ist die Liebe.

Dass irgendwann noch die Hochzeit eines Königssohnes stattfinden soll, darauf kommt es kaum an. Lena ist als Charakter bestenfalls flüchtig skizziert, da ist es schon ergiebiger, wie sie durch den Raum tanzt. Das Volk wird kurz mal vom König angebrüllt, es erfährt, dass der Prinz heiratet - oder eben auch nicht. Sonst findet keine Politik statt, ein selbstproduziertes Musikvideo ist auch viel fruchtbarer. Hübsche Menschen fahren Rollschuh und einem sommerlichen See blicken sie bedeutungsvoll in die Kamera.

Wer die Sinnlosigkeit nicht verlachen und bejubeln kann, wird mit diesem Stück wenig Spaß haben. Sonst kann es ein Fest werden. Eine boulevardeske, komische Aneinanderreihung von Überraschungen und aufrechtem Deluxe-Kitsch bietet Unterhaltung und Amüsement. Das Nichts als Nichts bleibt unbestimmt. Als Etwas verweigert es sich einer substantiellen Form. Sätze mit exklusivem Klang fließen ineinander über wie die Bewegungen einer großartigen Tänzerin. Hereinspaziert, ihr Damen und ihr Herren! „Der Kitsch ist für umsonst!” Wo bleibt das Unbehagen? Wir können das nicht deuten, nicht erklären. Sie haben gut gespielt und sie wissen es. Wenn sie auch genuschelt haben, dass man oft wenig und nicht selten nichts versteht - sie sind immer da, energisch und in Bewegung. So tritt eine Bejahung des Daseins in seiner ganzen Erlebbarkeit und Dynamik ein, und die Welt gleicht einer Leinwand, vor der zwei Menschen Arm in Arm zwei Menschen betrachten, die frisch verheiratet auf ihr neues Heim zulaufen. Sonne. Blätter. Wiesen. Die Gäste lachen, sehen gut aus und gehen, noch bevor die Sonne untergeht. Das junge Paar winkt zum Abschied. „Happy End”, steht in rosafarbenen Buchstaben auf einem Pappkarton.

Die Generation der Pragmatiker hat die Bühne betreten. Es wird nicht mehr gejammert, nicht solange das weiche Licht und das Bier nicht ausgehen. Ohne echte Liebe gibt es keine erträgliche Gesellschaft. Die Zukunft ist wandelbar und wundervoll. Die Natur schwingt sich auf und nieder, umspielt und umspült den Menschen wie die Welle am Strand. Dies ist der Moment. Die Rollen kann man nicht austauschen, aber annehmen, wie man sie erkannt hat. „Komm mit mir ins Wunderland. Der Eintritt kostet den Verstand.” Ein König fragt, was alle beschäftigt: „Bin ich das - oder jemand ganz anderes?” Ist da nicht eine entsetzliche Lücke zwischen der Krone und dem König? Singt, ihr Musen, ihr Götter der Künste, vom grollenden Bad des Zweckes. Willkommen. Es gibt keine Lücken. Nur nicht aus Liebe weinen. Wo der Verstand stehen bleibt, beginnt das Reich des Herzens. Dieses Stück bewohnt dessen mildesten Landstriche.

Keine Ahnung, was hier gerade passiert ist

Ich habe gestern ein Stück besucht, das ich in weiten Teilen nicht verstand. Das war der Tatsache geschuldet, dass die Schauspieler gerne vom Publikum weg, oder gegen Musik anredeten. Aber auch, dass einige Dialoge so vielschichtig, übertrieben philosophisch wirkten, dass es mich auch inhaltlich nicht immer mitnahm. Nebenbei war es auch visuell vollkommen überfordernd. Und dennoch hatte ich seit langem nicht mehr so viel Spaß im Theater wie gestern.

“Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand.”, aufgeführt vom P14 Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, basiert auf dem ähnlichnamigen Werk “Leonce und Lena” von Georg Büchner. Ein Stück, dessen Handlung oberflächlich gesehen keine Erleuchtung ist. Irgendwas mit gelangweiltem Adel, Zwangshochzeit, die dann doch ok ist und zum Schluss ein Happy End. Die Berliner Theatergruppe hat sich dessen Kitsch jedoch zu eigen gemacht. Es gibt auf der Bühne ein DJ-Pult inklusive zwei Jockeys in engen Lederjacken, ohne Hosen. Außerdem eine kleine Drehbühne, die in drei Abschnitte für jeden Akt eingeteilt ist, zwei Fernseher, eine Leinwand, mehrere Stühle, ein Mixer. Nach einem Windows-Sound-Remix zum Warmwerden beginnt Valerio, der Diener von Leonce, „Abenteuerland“ von Pur zu singen. Gut klingt das nicht, aber setzt einen ersten Wegstein für das, was den Zuschauer noch erwartet. Während des ersten Aktes geht die Königin zwischendurch hinter die Bühne ins Bad, um sich zu übergeben und wird dabei von einer Kamera verfolgt, die live auf die Leinwand über der Bühne überträgt. Der König hält eine lustlose Ansprache ans Volk („Hallo Volk, du siehst ja heute schon wieder verdammt sexy aus!“), welches ihn eh nicht interessiert, „Rosette“ (eigentlich Rosetta), die Liebhaberin des gelangweilten Prinzen Leonce, spaziert im Affenkostüm über die Bühne. Leonce erfährt von seiner bevorstehenden Hochzeit und beschließt mit Valerio fürs erste das Weite zu suchen. Zwischendurch streiten die beiden sich und boxen. Dabei spucken sie sich gegenseitig Theaterblut an die Hälse, damit es dramatischer wirkt, einen Ringrichter gibt es auch.

Ohnehin gibt irgendwie alles in dem Stück. Der erste Akt endet mit einem selbstgedrehten Trailer, oder kam der erst später? Es ist schwer, sich Notizen zu machen, da andauernd irgendetwas passiert. Der zweite Akt beginnt mit einem Aufklappzelt, das aus Versehen kaputt geht, aber das stört die Schauspieler nicht weiter. Generell traten sie mit einer fast selbstverständlichen Professionalität auf: Jemand stolpert, aber spricht weiter und wirft sich dazu in eine selbstironische Pose, Leonce hängt was im Hals, er fragt im Publikum nach Wasser und macht danach weiter, als wäre nichts gewesen. Seine Mätresse, Rosette, ist über den Ausflug, den aufs Land wenig begeistert. Sie hält einen starken Monolog über individuelle Horizonte und wie diese mit anderen kollidieren (glaube ich), sie verteilte dabei Becher mit Banane, Wodka, Himbeersirup ans Publikum, das lenkte etwas ab. Vielleicht wäre es aber ohne diese Brechung ungewollt kitschig geworden, so wirkte es komplett überzogen, ehrlich kitschig. Danach wird noch wild rumgeknutscht, Valerio an vorderster Front mit dabei, Leonce und Lena machen es sich nett im kaputten Zelt.

Zum dritten Akt fällt mir auf, als die Bühne gedreht wird, dass jeder der drei Teile identisch aussieht. Naja, besser spät als nie… Zwischendurch wird das Stück durch längere Monologe einzelner Personen, die von Assoziationsketten geprägt sind, gestreckt. Einer dieser Vorträge - anfangs noch über das Thema Provokation - mündet in einer spektakulären Interpretation des Liedes „All by myself“. Währenddessen kann man auf der Leinwand verfolgen, wie sich die anderen Schauspieler umziehen und rauchen gehen.

Der Satz „Du kannst die fehlende Authentizität nicht kaufen, aber der Kitsch ist für umsonst“ bleibt besonders hängen. Der Kitsch, den ich gestern im Haus der Berliner Festspiele angesehen habe, war überhaupt nicht umsonst. Eine unterhaltsame Produktion mit begabten Schauspielern, klugen Sätzen (wenn man nicht zu sehr abgelenkt war, um zu folgen) und schöner Musik. Ein Abend, an den ich wohl noch lange zurückdenken werde.

von Max Deibert

FASZINATION WÜRDE

Ehrlos stellt sich seinen Themenkomplexen unverkrampft und gleichzeitig mit angemessener Bedeutsamkeit. Trotz der Wohnzimmerromantik einer Seifenoper und gelegentlicher Fahrstuhlmusik erreicht es einen Lustigkeitsgrad, der hässliche Krawatten wieder zum funktionierenden Witzmotiv machen kann. Zwischen Vatermythos und Vaterrealität nimmt es seine Charaktere kompromisslos ernst und schafft es zu parodieren, ohne bloßzustellen.

Keine Instrumentalisierung der Charaktere

Die Dialoge fühlen sich authentisch an, weder übertrieben noch vermeidend. Ehrlos liegen einige poetisch dichtere Momente inne, in denen die Verfasser Feingefühl für Ambivalenz zeigen und eine sanfte, starke Stimme herausarbeiten, die durch das Stück führt. Im Allgemeinen werden Klischees erfüllt wie gebrochen, doch sie stehen nicht im Vordergrund. Der Mensch ist hier in aller erster Linie Mensch und kein Instrument, um Klischees zu bestätigen oder zu brechen. Mal stimmen die Eigenschaften der Charaktere mit Klischees überein, mal nicht, aber es geht nicht um Rechtfertigung, nicht um Instrumentalisierung.

Auch die Erwartungshaltungen des Zuschauers werden unaufgeregt gebrochen. Mit Augenzwinkern und Selbstverständlichkeit verwandeln sich allgemeine Situationen in spezifische, es geht nicht darum mit moralischer Überlegenheit zu blenden.

Ambivalenz der Autorität

Vor allem in den jüngeren Jahren der Charaktere geht es um die Beziehung zwischen Liebe und Vorbildern. Suchen wir uns die Eltern als Vorbilder aus oder fordern sie die Vorbildfunktion ein? Die Szenen spielen mit der Widersprüchlichkeit in Machtgefällen. Wo Gutmütigkeit, Fürsorge, Engstirnigkeit, Tradition und Persönliches zusammen fallen und wo richtig und falsch schwer erkennbar und unmöglich trennbar sind. Die Zuwendung der Väter zu ihren Kindern zeigt sich als ehrlich, aber auch selbstgefällig. Diese Selbstgefälligkeit kann manchmal ein harmloses Glorifizieren der eigenen Trinkkultur sein oder ein Ausarten von Gewalt über vermeindliche Beschmutzungen der Ehre. Im Stück werden sie nicht gleichgesetzt, nicht in Konsequenz gestellt, aber stehen doch nebeneinander, eindringlich.

Es wird sich nicht gescheut auch romantische Aspekte der Familienkonstallation und der Rolle des Vaters zu betrachten. Der Sohn beschreibt, wie er als Kind auf den Vater wartet, auf sein Nachhausekommen, um ihn 3 Sekunden für sich alleine zu haben, um mit ihm gemeinsam über die Türschwelle zu treten. Er will so freundlich und so aufrecht wie er sein, sagt er an anderer Stelle. Hier konzentrierten sich einige Ebenen auf kluge Weise: Einerseits ist es eine liebevolle Darstellung der Würde des Vaters, die einerseits aus seiner Position als Elternteil kommt, aber auch damit zu tun hat, dass er als Mann täglich in die Welt hinaus schreitet und dieser Wiederkommensmoment unweigerlich mit Faszination verbunden ist für das im Haus lebende Kind. Die Türschwelle als bürgerlicher Moment, ist hier auch die Trennlinie zwischen Räumen. Lebensrealitäten fügen sich aneinander. Gerade noch in der Familie, befinden sich die Charaktere bald in einer Disko. Die Regeln und Hoffnungen sind hier andere und stehen auch im Widerspruch zu denen in einer häuslichen Situation. Ich-Räume eröffnen sich, Spaltungen in der Gesellschaft und im Individuum entstehen.

Wenn es hart auf hart kommt, erscheint Liebe fast als Schmiermittel der Machtverhältnisse. Sie erpresst das Gewissen über die Integrität hinweg und verhindert Reibung. Die Liebe des Vaters wird in der Frage nach Ehre als verqueres, emotionsgeladenes Besitzverhältnis demaskiert. Er empfindet seine Schwester, seine Mutter, seine Tochter als Erweiterungen seiner selbst. Wenn ihre Ehre beschmutzt wird, wird seine Ehre beschmutzt - und eben die ist relevant. Die Frauen beginnen im Aspekt der Zugehörigkeit zu existieren.

Männliches Wachstum oder menschliches Wachstum

Ehrlos entgeht der Falle, verallgemeinernd zu wirken, indem es Raum für das Thema Vertrauen schafft. Ein Pfarrer spricht über ein lesbisches Mädchen und erklärt, dass sie das Vertrauen missbraucht, das die Gemeinde ihn sie gelegt hat. Was ist Vertrauen hier?

Vetraut man dem anderen, das zu sein, was man von ihm erwartet? Ein Vater, sagt er, vertraut seiner Tochter, aber nicht den Männern draußen. Sie könne nicht alleine spazieren gehen in der Nacht. Bestraft muss sie werden, nicht die Männer. Doch Vertrauen entsteht auch durch Solidarität und Unterstützung: Meine Heldin, sagt fast am Ende der männliche Hauptcharakter zu seiner Schwester, und für einen Moment ist eben diese Solidarität der stärkste Aspekt in der Realität des Stücks.

Das Stück ist ein rundes Ding, dramatisch, lustig, talentiert, uneingebildet. Es arbeitet mit Geschichten und Fragen und nur zögerlich mit über das Persönliche hinausgehenden Antworten. Es erspart sich damit einen lehrerhaften Charakter, doch vielleicht auch eine Chance. Denn es kann sich nicht von seiner Ausgangsfrage lösen. Was ist Männlichkeit? Emotional stabil oder Macho? Selbstbewusstsein? Den ganzen Abend durch wird Männlichkeit verhandelt und neu definiert, menschliches Wachstum entsteht, doch innerhalb dieses Raums muss es männliches Wachstum bleiben und riskiert so die andauernde Einschränkung durch Rollenbilder- wenn es auch fortschrittlichere sind.

von Alice

Ehrenvoll unter den Tisch saufen

Was ist eigentlich ein Mann?

 

Jemand, der seine Familie beschützt? Jemand, der allen höflich begegnet? Jemand, der nicht weinen darf? Oder vielleicht doch? Frage-und-Antwort-Spielchen durchziehen Ehrlos von Anfang bis Ende. Wie betrinkt man sich richtig? Wie sauft man jemanden ehrenvoll unter den Tisch? Oder da fragt ein Mädchen die Freundin: Bist du verliebt? Nein? Warst du schon mal in einen Jungen verliebt? Nein? Wirst du dich noch in einen Jungen verlieben? Oh Gott, stehst du auf Weiber? Wer ist das Schäfchen, fragt der Pfarrer, das die Gebote des Herrn nicht befolgen will? Wer will Zeugnis darüber ablegen? Wer ist dieses brave Mädchen mit den langen Haaren und der Strickmütze? Kommt ihr wahres Ich zum Vorschein, als sie sich die Perücke vom Kopf reißt, schwarzes kurzes Haar und #gay auf der Brust sehen lässt? Oder nur das Kostüm einer neu angenommenen Rolle? Wie ehrenhaft ist das eigentlich, wie mutig? Der Pfaffe jammert: „Weiche von uns, Satan.“ Wie ehrlos ist der eigentlich?

 

Was ist eigentlich Bibel, was Koran?

 

Noch mehr Fragen. Quizduell: Was ist Bibel, was ist Koran? Zitate werden vorgelesen. Mitraten erwünscht. Bibel oder Koran? Spannung. Auflösung. Was lernen wir? Die Bibel ist mindestens so frauenfeindlich und reaktionär wie der Koran. Cool. Wie der Fotowitz mit zwei Mädchen, eine mit Bibel, eine mit Koran, und sie sagen: Look, both are full of bullshit. Kapiert.  

 

Was ist eigentlich ehrenhaft?

 

Die Mutter passt auf, dass die Töchter nicht zu freizügig gekleidet aus dem Haus gehen – welches Mädchen kennt das nicht? „Ich bin Russin, meine Mutter würde sich eher sorgen machen, wenn ich zu underdressed aus dem Haus gehe.“ Wow. Eine Scheinselbstverständlichkeit wird entlarvt. Ein Mann trägt Sonnenbrille, Lederjacke und Stiefel, er mag Waffen und Autos. Ehrenhaft? Männlich? Ein anderer ist vielleicht gefühlvoll, verletzlich – unehrenhaft? Der kurdische Vater würde seine Tochter nie ohne männliche Begleitung aus dem Haus lassen, schon gar nicht nachts. Warum? „Ich vertraue ihr, aber nicht den Männern.“ Wenn ihr etwas passieren würde, wäre es seine Schuld, denkt er. Ihm geht es also nur um ihr Wohl. Ist dann der liberale westliche Vater automatisch ehrlos?

 

Wo führt das alles hin?

 

Klare Antworten sind natürlich nicht zu haben. Fragen als Praxis. Eine assoziative Reise in Vergangenheit und Gegenwart zu Brennpunkten der Religion, Gesellschaft oder Politik. Die meisten Protagonisten sind Opfer und Täter zugleich. Die ständig wechselnden Rollen sorgen für zusätzliche Dynamik. Humor ist auch dabei. Ganz spontan wird das Spiel unterbrochen, weil jemanden grade ein Witz eingefallen ist. Lustige Tänze. Tiergeräusche ins Mic.

 

Go on asking

 

Die Figur des Urgroßvaters, die als Erzählung à la Großmutter-erzählt-jetzt-von-früher eingeführt wird, endet im Bild eines unendlichen Laufs. „Und wenn er nicht gestorben ist, dann läuft er noch heute.“ Ein Ende der Geschichte und der Probleme ist also nicht in Sicht. Ein Ende des Fragens auch nicht.

RUN BOY RUN

Es beginnt mit einer Geschichte. Die älteste Schauspielerin des Ensembles spricht von ihrem Großvater, der 40 Monate lang Militärdienst leisten musste. Der Rückweg von der Front in die Heimat war beschwerlich: fehlende Infrastrukturen erschwerten das Vorankommen, Kälte, wilde Tiere. Die Erzählung wird begleitet von einem Geräuschchor. Sehr atmosphärisch, wenn auch die Wangen-Pupse, die wie Gewehrsalven klingen sollen, irgendwann nerven. Müde erreichte der Großvater eine Farm, eine Frauenstimme erlaubte ihm, in der Scheune zu schlafen.

Eine kurze Loopstation-Einlage dient als Überleitung. Ein Beat mit Trötensound erinnert an den legendären Kazoo Boy. In der folgenden Szene wird ein Junge unterschiedlichen Anforderungen von seiner Familie gegenüber gestellt: zeige Stärke, sei emotional, sei beschützend, sei tolerant, folge deinem Herz, folge deiner Ehre! Die Persönlichkeit des Jungen teilt sich auf in einen primär erzählenden und einen primär handelnden Schauspieler. Die innere Gespaltenheit wird offenbar. Visuell unterstützt durch das Bühnenbild, auf dem ein stattlicher Hirsch umgeben von Rehen zu sehen ist.

Als Zuschauer denke ich bei der Frage nach Männlichkeit sofort an die Silvesternacht in Köln. Wo Frauen belästigt wurden, während männliche Freunde, Passanten tatenlos zuschauten. Die Welt titelte “Der moderne Mann hat versagt”. Zeit-Autor Adam Soboczynski schrieb zu dem Vorfall: „Es gibt den Beschützer in Deutschland nicht mehr. Natürlich nicht. Der Beschützer ist aus weiblicher Sicht doch eine lächerliche Figur (zumindest sagen das die Frauen).“ Kein schlechter Ansatz, man sollte jedoch-

Schnitt. Die Loopstation geht an, nächste Szene. Ein Russe erklärt seiner Tochter, wie man anständig Alkohol trinkt: Viel essen, sich selber eingießen, den Drink im Blick behalten, nicht durcheinander trinken, Pausen einlegen (15 Minuten pro Unterbrechung). Auch ein schönes Thema: Wie schützen unterschiedliche Kulturen ihre Töchter? Durch Aufklärung? Verschleierung? Geleitschutz? Das gab es so einen Zwischenfall letztens in der-

Nächste Szene. Es wird in einer Art Disco (oder Club) getanzt, eine erneute Gegenüberstellung männlicher Werte findet statt. Es geht auch darum, welcher Männertyp scheinbar erfolgreicher bei Frauen zu sein scheint. Dann wird ein Junge beschnitten. Eine gut gemachte Szene, sehr persönlich, viele Lacher, viele Sätze, die man vielleicht selbst schon gehört hat. Sowohl von den besorgten Deutschen, die sagen, „wenn du das nicht willst, dann rede ich mit deinen Eltern“, als auch die Gedankengänge des Jungen, die sich zwischen Vorfreude und Hilflosigkeit bewegen.

Anschließend wird häusliche Gewalt in Haushalten verschiedener Religionen dargestellt. Durch eine etwas lang geratene Live-Version von Quizduell wird versucht, Klischees über die heiligen Schriften der Christen und Muslime aufzuheben. Die Darsteller sollen raten, ob ein Zitat aus dem Koran oder der Bibel stammt.

Fast im Minutentakt werden Bilder in meinem Kopf produziert, eigene Erlebnisse und Erinnerungen, Ängste, mediale Ereignisse. Die Interviewszenen, die das Tempo aus dem Stück nehmen, sind gut gelungen, sinnvoll gesetzt, lösen meine Überforderung aber nicht vollkommen auf. Die Stärken des Stücks liegen in ihren ehrlichen Protagonisten, den Szenen, die das Publikum aus den Sitzen reißen (wie das Coming Out des Mädchens in der Kirche), oder es zutiefst berühren (als sich ein türkisches Mädchen gegen ihren konservativen Vater zur Wehr setzt), dem Humor, dem Gesang, der Vielschichtigkeit.

Das Stück endet, wie es angefangen hat: mit dem Großvater. Er wird nachts aus dem Schlaf geschrien. Die Frau aus dem Bauernhaus ist schwanger, benötigt seine Hilfe. Er trägt sie so weit er kann, bricht irgendwann erschöpft neben einem Brunnen zusammen. Durch ein Unglück fällt die Schwangere hinein. Er rennt weg. Das Fazit des Stücks wird gesungen: „Ich laufe Tag und Nacht. In einer Welt mit zwei Türen laufe ich Tag und Nacht.“


Ich verlasse nach stürmischem Applaus die Seitenbühne. Um mich herum wird bereits diskutiert. Viele erkennen sich in dem Stück wieder, oder ihre Eltern. Einige mussten Tränen lachen, andere fast weinen vor Rührung. Ein Stück, das uns alle in irgendeiner Weise etwas angeht. Leider wurden die vielseitigen und sehr relevanten Themen nicht ruhig auserzählt.   Aber das Wort ehrlos fällt sehr oft.

von Max Deibert

Fundstücke: Sprachpralinen

 

Der Workshop für Szenisches Schreiben hinterlässt so einige wunderliche Dinge in dem Raum, den auch die Redaktion als Arbeitszimmer nutzt. Zum Beispiel meterlange Luftschlangen mit Texten beschrieben und Postkarten über den ganzen Teppich verteilt. Überraschenderweise war eine der Karten mit einem polnischen Gedicht bedruckt. Zunächst war die Reaktion nur Ratlosigkeit. Vielleicht ist das auch gar nicht polnisch? 

Auf dem Theaterfestival treffen dieses Jahr viele Sprachen und Akzente aufeinander und werden auch immer wieder thematisiert. Im Garten hört man wie Menschen zusammen kommen über geteilte und unterschiedliche Sprachkenntnisse, sich austauschen, zusammen versuchen noch präzisere Übersetzungen zu finden für die Dinge, die sie sagen wollen. Und so hat sich auch eine Übersetzung für dieses Gedicht gefunden...

"Und das Leben gestaltet sich manchmal so seltsam, dass es uns goldige Binden auf die Augen legt und wir wissen nicht dass alles nur Blenden und Maskerade ist und statt der menschlichen Gesichter überall Masken, Masken..." -Edmund Bieder